Der Wind schmeisst Regentropfen gegen das Fenster. Wellen brechen und das Wasser spritzt auf den nassen und sandigen Strand. Die Baeume bewegen sich im Rhythmus des Windes, sie singen die Melodie des Herbstes. Ausser uns ist niemand hier. Der Strand: menschenleer. Das Dorf: verlassen. Die Strassen: frei. (Click here for the version in
.)
Die Fensterfront der Ferienwohnung von Joe’s Eltern ist riesig. Zwei Meter hoch, mindestens, und acht Meter weit. Auch wenn dieser Freitag regnerisch und windig ist – ein typischer Herbsttag, so sagen sie – erhellt genug Licht den Raum. Joe und Hamish sitzen auf der grossen Couch, die zu den Fenstern ausgerichtet ist und schauen auf die grasgruenen Huegel und die Bucht. Man braucht keinen Fernseher hier und auch kein Radio. Handynetz? Zehn Minuten entfernt, im Auto. Internet? Nicht hier. Die Zeit scheint still zu stehen in dem kleinen Ort an der Moureeses Bucht.
Ich muemmel mich in meinen gemuetlichen blauen Kapuzenpullover. Den Kaffee in der einen, das Buch in der anderen Hand und ein leckerer aufgewaermter Muffin auf einem kleinen Teller auf der Armlehne meines Sessels. Ich trinke einen Schluck, lehne mich zurueck und fange an zu lese.
Das starke Braun des Holzfussbodens und die blau-gruen-pink-gelben Decken, mit denen Joe und Hamish ihre Fuesse bedeck haben, sind die auffaelligsten Gegenstaende in diesem modernen Ferienapartment mit seinen weissen Waenden und Decken, den grauen Fensterrahmen und den weissen Sonnenblenden, die so unglaublich deplatziert wirken, wo keine Sonne ist.
Das Paradies um die Ecke
Nur rund drei Autostunden noerdlich von Auckland, lediglich 40 Minuten entfernt von Whangerei liegt dieser noch ziemlich unbekannte aber immer beliebter werdende Ferienort. Joe hat Donnerstag, Freitag und Samstag frei. Hamish hat Urlaub und ich bin ja quasi arbeitslos – also kann ich Auckland immer verlassen. Vor einigen Tagen haben wir beschlossen, diesen Vor-Wochenend-Trip zu machen und ich bin froh, dass wir hier hoch gekommen sind.
Auch wenn die Wettervorhersage nicht gut war (und die Metereologen Recht behalten sollten), haben wir uns entschlossen hoch zu fahren. Ich bin entspannt, sehr entspannt und meine Gedanken schweifen ab mit den Wellen und dem Wind. Der Thriller, den ich gerade lese, bringt mich nach Longreach, Australien, woe in Schwedischer Journalist eine Frau entdeckt, die langezeit als vermisst galt.
Solch eine Ferienwohnung – unweit von der Stadt und dem ganzen Stress – ist perfekt um zu entspannen und seine Gedanken zu sortieren, um Energie zu schoepfen und das stressige Leben, die vollen Strassen und Einkaufspassagen und verstopften Gegenden der Grossstadt zu vergessen. Trotzdem fuehle ich mich wie am falschen Ort. Ich gehoere hier nicht hin. Irgendwie schon. Ich habe es nur irgendwie nicht verdient, hier zu sein. Ein Dilemma.
Zuhause ist, wo ich bin.
Normalerweise kommt die Ueberschrift bei meinen Blog-Eintraegen immer zum Schluss. Manchmal habe ich eine Idee beim Schreiben. Aber dieses Mal wusste ich schon am Anfang, welchen Titel ich nehmen werde.
Zuhause ist, wo ich bin. – Dieser Satz beschreibt das Dilemma, indem ich mich befinde. Er ist so stark und ehrlich, gefuellt mit philosophischen Gedanken und Fragen. Er ist stark genug, um mein Slogan fuer dieses Jahr zu werden. Aber es ist ein Dilemma. Eine gute und eine schlechte Sache.
Ich habe in den vergangenen Wochen viele Menschen kennengelernt. Einige habe ich bei Facebook zu meinen Freunden hinzugefuegt, andere bei Xing oder LinkedIn (dem englischen Aequivalent). Es ist immer spannend, neue Staedte zu erforschen und ich war bereits in vier in diesem Jahr: Melbourne. Sydney. Auckland. Christchurch. Und mit neuen Staedten, kommen neue Leute, neue Gesichter. “Also wo ist zuhause?” – Diese Frage kam haeufig, wenn ich mich vorgestellt oder ueber mich erzaehlt habe. Vor einigen Monaten noch haette ich Sydney geantwortet. Hamburg davor, Düsseldorf und Bonn bevor Hamburg.
Eigentlich sollte ich aber doch eher sagen Kędzierzyn-Koźle, zumindest wenn “zuhause” “home”, also “Heimat”, meint. Eine kleine Stadt im suedlichen Polen, mein Geburtsort. Aber dann: Was habe ich noch mit der Stadt gemein, die ich seit 13 Jahrn nicht mehr gesehen, in de rich seit fast 23 Jahren nicht mehr gelebt habe? Ist Gütersloh also meine Heimat? Der Ort, in dem ich aufwuchs? Diese kleine Stadt im Westen Deutschlands mit (fast) genug Einwohnern, um “Großstadt“ zu sein aber hinterweltlerischer Einstellung und Mentalitaet.
Ich muss mich – will mich! – mit meiner Heimat identifizieren. Und in den vergangenen Jahren viel es mir recht einfach mich mit dem Ort zu identifizieren, in dem ich gelebt habe. Aber in den vergangenen sechs Monaten habe ich irgendwie nirgends gelebt. Nicht, dass ich obdachlos war im urspruenglichen Sinne des Wortes: Ich habe an unterschiedlichen Orten mit unterschiedlichen Menschen gelebt – und dessen bin ich sehr denkbar.
“Also wo ist zuhause?”
Diese Frage habe ich immer noch nicht beantwortet. Und irgendwie hatte ich Probleme, sie den Menschen zu beantworten, die sie mir gestellt haben. Bis ich ploetzlich irgendwann sagte: „Zuhause ist, wo ich bin.“ Dann habe ich aufgeschaut – geschockt – und in das Gesicht meines Gegenuebers gesehen um zu erfahren, wie die Person reagieren wuerde. „Was habe ich gerade gesagt?“ – es hat sich so banal angehoert, so einfach. Zu einfach, um wahr zu sein.
Zuhause ist, wo ich bin. Das ist keine Identitaetskrise, das ist ein Gefuehl. Das Gefuehl, was mein 2011 beschreibt. Und doch beschreibt Zuhause ist, wo ich bin auch ein Dilemma. Wo gehoere ich hin? Zurzeit kann ich diese Frage nicht beantworten, zumindest nicht in aller Gaenze. Ich gehoere da hin, wo ich bin. Das ist, wo zuhause ist. Aber da wo ich bin, zuhause, war ueberall und nirgends in den letzten Wochen. Wollen wir uns nicht identifizieren im Lokalen? Brauchen wir nicht einen Platz, an den wir zurueckkehren koennen? Also: Wo bin ich?
Wo…
… bin ich in meinem Leben? An einem spannenden Punkt, an dem die Zukunft voellig ungeschrieben ist.
… befinde ich mich? Irgendwo in Neuseeland im Moment. Das kann schon morgen anders sein.
…bin ich naechste Woche? Das weiss der liebe Gott.
Das Dilemma ist mein Slogan vom vergangenen Jahr: Freiheit.
Ich muss keine Hypothek abzahlen. Ich habe keinen Job, nirgends auf der Welt. Ich habe keinen Partner, keine Familie*, keine Kinder, keinen Hund. Ich habe kein Auto und kein Haus und ich will solche Dinge auch gar nicht haben. Ich bin frei, fuehle mich frei, lebe und handle frei. Es ist ein wundervolles Gefuehl dies zu tun – aber nur solange wie Freiheit gerahmt ist von Definitionen, reguliertem Alltag, Aufgaben und Jobs.
Ich habe keine Wohnung. Ich habe keinen Job. Ich habe nichts auf der ganzen Welt. In den letzten sechs Monaten, nachdem ich mein Studium an der UTS abgeschlossen habe, habe ich viele Niederschlaege (neben vielerlei tollen Momenten) erlebt, vor Sackgassen gestanden. Es war – und ist ja auch jetzt noch – inspirierend – am totalen (!) Ende der Nahrungskette zu stehen. Trotzem ist es nach sechs Monaten auch eine verdammte mentale Herausforderung!
Freiheit wird zum Nachteil im Vorteil. Jeder sucht die Freiheit bis man sie hat. Dann realisiert man, dass sogar Freiheit seinen Preis hat – selbst wenn es nur die Ungewissheit dessen ist, was man ist und wohin man gehoert.
Sogar das kann inspirieren, denke ich. Aber es ist auch ermuedend. Es ist gut und schlecht zugleich.
“Ich glaube, ich brauche nen Toast”, sagt Joe und reist mich aus meinen Gedanken – aus meinem mentalen Zustand zwischen dem hier und da dorthin, wo ich gerade bin. Also quasi nach Hause. – In den letzten und kommenden Stunden ist das die Moureeses Bucht.
Ich verdiene es nicht, hier zu sein…
Es ist nur: Habe ich es verdient, hier entspannt mit einem Buch in der Hand und unbezahlbarer Aussicht zu sitzen und zu relaxen? Mit tollen Menschen, einem Kaffee (und spaeter einem leckeren Wein), Filmen und tollen Gespraechen…? Ich, der nicht wirklich arbeitet – verdiene ich zu geniessen? Ich glaube nein. Weil die Gesellschaft mich das denken laesst. Weil man sich verdienen muss zu entspannen. Richtig? Man muss es sich verdienen. Wirklich? Muss ich wirklich? Ich tue nun wirklich niemandem weh damit, dass ich entspanne, oder? Ich nehme auch niemandem nichts weg, oder? Ich mache nichts verkehrt. Ich – entspanne. Der kleine Unterschied zu vielen anderen Menschen, die einfach “nur entspannen”, ist: Wenn ich nach Hause komme (Auckland in diesem Fall), mache ich immer noch – nichts.
Zumindest fuehlt sich das so an. Auch wenn es nicht wirklich stimmt, denn ich versuche hart, einen Job zu bekommen – trotzdem fuehlt sich das nach nichts an. Stagnation, wo keine Stagnation sein sollte. Keine Bewegung wo Bewegung gebraucht wird. Die Sache ist aber die – und fuer mich in meiner Situation ist das sehr wichtig zu wissen! – dass ich wirklich nicht nichts mache und versuche weiter zu kommen.
Zuhause ist, wo ich bin. Aber vielleicht sollte zuhause nicht da sein, wo ich gerade bin?
Mir ist etwas sehr merkwuerdiges geschehen, als ich dieses Jahr zum Mardi Gras nach Sydney geflogen bin. Das war Anfang Maerz und ich wollte meine Freunde besuchen und am Karneval teilnehmen. Ich bin ja in der letzten Zeit haeufig zwischen Australien und Neuseeland geflogen und beim letzten Mal (vor Weihnachten) gab es ein Problem mit meinem Visum oder dem Passport. Nachdem ich durch den Zoll bin, hat mich ein Officer abgeholt und mir meinen Passport abgenommen. Einige Minuten spaeter kam er zurueck und sagte, dass nun alles in Ordnung sei. Angeblich sei mein Name in dem Visum falsch geschrieben worden. Ich bin mir nicht so sicher, ob das stimmt…
Als ich dieses Mal in Sydney angekommen bin, war ich die einzige Person beim Zoll, weil ich ganz vorne im Flieger sass und angeblich zu der Zeit keine anderen Flieger angekommen sind. Ich bin auf einen Officer zugegangen und er hat meinen Ausweis eingescannt. Anschliessend hat er mich angeschaut und gesagt: Du wirst zu einem Immigration Officer sprechen muessen. “Stimmt etwas nicht, Sir”, fragte ich, und er beruhigte mich mit den Worten, dass dies ganz normal sei, andauernd geschehe und eigentlich nur dazu diene, dass die Kollegen von Immigration nicht gelangweilt sind. Haha, lustig…
Die Asiatin, die mich abholte, nam meinen Passport und verschwand. Es dauerte eine ganze Weile bis sie wieder kam – mit mindestens zehn ausgedruckten Seiten und meinem Passport. Sie setzte sich neben mich und startete das Verhoer. Sie wollte wissen, warum ich dieses Mal hier sei und warum letztes Mal, Melbourne, Sydney, und so weiter. Ich habe sie angeschaut, gelaechelt und gesagt: “Haben Sie etwa Angst, dass ich in dem Land bleibe?” – “Naja, um ehrlich zu sein, ja.” – Ich konnte mir nicht helfen und fing lauthals an zu lachen. “Meine Liebe, ich mag Australien. Ich habe hier studiert und bin mehrfach durch Australien gereist. Aber unter keinen Umstaenden – und dafuer gibt es auch keinen Grund – moechte ich hier bleiben. Ich besuche einfach nur Freunde.” Es hat ein bisschen Ueberzeugungskraft gedauert, doch schliesslich gab die junge Dame auf, mir meinen Passport wieder und ich war ein freier Mensch.
Sydney fuehlt sich nicht mehr an wie zuhause. Ich habe befuerchtet, dies wuerde geschehen.
Das Gefuehl habe ich bereits beschrieben, im Januar und auch im Februar. Ich bin durch mit Sydney. Irgendwie hat diese wunderschoene Stadt dieses wunderschoene Gefuehl von Heimat und daheim sein verloren. Es fuehlt sich an als sei ich aber auch einfach mit meinen Gedanken weiter. Und ja, nachdem ich nun nicht einmal mehr am Zoll Willkommen geheissen werde, verstaerkt sich das Gefuehl.
Neuseeland fuehlt sich auch nicht (mehr?) an wie zuhause.
Die Geschichte geht weiter, merkwuerdig. Ich hatte eine tolle Woche mit meinen Freunden in Sydney. In der Zeit habe ich viel gesprochen und hinterfragt, vor allem meine Situation in Neuseeland. Ich habe realisiert, dass Neuseeland nicht der Ort fuer mich ist. Trotzdem: mein Flugticket war gebucht und die meisten Sachen von mir noch in Auckland. Zurueck in Auckland an einem total ueberfuellten Flughafen am Zoll schaut mich der Officer an, der meinen Passport scant: “Du bist also schon eine ganze Menge gereist. Und in Neuseeland warst du also auch schon?” – Aehm, ja, Vollidiot… Ich weiss, dass es spaet ist, aber du kannst in deinem bloeden Computer sehen, dass ich hier schon einige Male war und dieses Mal auch nur fuer eine Woche weg war. Was ist also dein Problem? – Haette ich fragen sollen. Doch ich blieb freundlich und habe erklaert, dass ich nur fuer eine Woche in Sydney war und nun eigentlich nur ins Bett wollte. “So, so”, sagte er und schrieb nicht das sonst uebliche “P” auf meine Passenger Incoming Card, die jeder Einreisende ausfuellen muss, sondern einen anderen Buchstaben. Ich wusste, dass das nichts Gutes heissen kann…
Die Dame in dem Bereich, wo das gesamte Gepaeck auf Essen und andere Nahrungsmittel, die man nicht nach Australien und Neuseeland einfuehren darf, geroengt wird, hat mein Gefuehl bestaetigt: “Alles klar, gehen Sie bitte hier lang und warten, dass Sie aufgerufen werden.” – wunderbar… Anderes Land, gleicher Muell. Ein Interview mit Immigration. Nur dass dieses noch ueberfluessiger war, nicht nur, weil es mittlerweile zwei Uhr morgens war…
Der sehr nette und dazu noch verdammt gut aussehende Officer hat mir unglaublich viele Fragen gestellt, bis ich schliesslich ihr ja bekam und somit gehen konnte. Ich habe bestanden – aber irgendwie hat es sich so angefuehlt als habe Neuseeland verloren. Die junge Dame vom Zoll war sich nicht sicher, wie ich fuer all meine Reisen bezahlen und in diesem Land leben konnte, ohne richtig zu arbeiten. Ja, Sonnenschein, das frage ich mich auch manchmal…
Zuhause ist, wo ich bin. Und irgendwie gibt mir dieser Vorfall und geben mir andere Sachen das Gefuehl, dass das nicht mehr Neuseeland sein kann. Ich habe alles gegeben. Hat ja auch teilweise geklappt. Trotzdem habe ich es nicht geschafft, die magische Journalismus-Tuer zu oeffnen. Zumindest nicht soweit, dass ich zufrieden bin.
Zuhause ist, wo ich bin beschreibt aber auch mein Dilemma, in dem ich mich befinde. Wenn es doch nu rein Rezeptbuch fuer mein Leben geben wuerde. Aber nein, ich bin auf mich alleine gestellt. Entscheidungen treffen, die – und so fuehlt es sich gerade an – mein Leben veraendern werden. Irgendwie. Irgendwo. Wo? Wohin? Wann? Das Land verlassen? Hier bleiben? Warum? Wann? Zuhause ist, wo ich bin. Ich frage mich, wo das enden wird…
Ja, ich weiss, ich bin frei. FREIHEIT. Manchmal fuehlt es sich so an, als haette ich nicht einmal das Recht, mich zu beschweren. Es ist – es ist schon komisch, oder? Wollen wir nicht immer das, was wir nicht haben? Ich will nicht wirklich arbeits- und obdachlos sein. Alles was ich will, ist ein Job. Frage ich nach zu viel? Mit dem Job wuerde dann wieder mehr Geld rein kommen und dann koennte ich mir auch ne schoene Wohnung leisten. Irgendwo in dieser Welt. Mir ist bewusst, dass ich in einer luxurioesen Situation bin. Ich bereise die Welt. Leben in vielen verschiedenen Orten. Das ist etwas, das nicht viele Menschen machen – nicht viele Menschen machen koennen. Rici, eine gute Freundin von mir, die ich damals 2004 beim Reisen durch Australien mit Alex kennengelernt habe, hat mir letzten eine Mail geschrieben. Sie hat die Mail mit diesem Satz beendet: “Grüß sie von mir, die weite Welt, ich vermiss sie!”
______________________________
*im engen Sinn. Natuerlich habe ich grossartige Eltern und Grosseltern, zwei wunderbare und erfolgreiche Brueder, tolle Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen. Familie im weiten Sinn.
[...] Wind is throwing raindrops against the window. Waves are breaking and water is splashing onto the already wet and sandy beach. The trees are moving in the rhythm of the wind, singing the melody of autumn. There is no one here apart from us. The beach: deserted. The village: empty. The roads: abandoned. Fuer hier klicken. [...]